#18 Nyaung Shwe: Kotzende Französinnen, Meditation und die Frage, warum es sowas nicht in Deutschland gibt

Nach einer etwas unruhigen Nacht in meinem Hostelzimmer (zwei Französinnen hatten offenbar einige Probleme mit ihrem Magen-Darm-Trakt), und der Erkenntnis, dass es in solch einer Situation sehr unangenehm ist, wenn der Eingang zum Bad direkt an dein Hostelbett grenzt, starte ich unausgeschlafen und früh in den Tag. Packen, auschecken und frühstücken bevor es um acht Uhr zur Tagestour losgeht. habe genau einen Tag am Inle See, und der muss ausgenutzt werden.

Meine Gruppe sammelt sich vor der Unterkunft. Vier sehr nette Mädchen aus Schottland, England und Kanada. Ich bin noch deutlich gezeichnet von der Nacht und der Kaffee hat noch nicht angeschlagen. Ich entschuldige mich für meine fehlende morgendliche Gesprächsbereitschaft und erkläre meine Situation. Jeder hat Verständnis.

Nachdem alle an Bord sind, geht die dreistündige Fahrt nach Sam Kar los. Im Hostel wurde diese Tour als die weniger touristische angepriesen. Ich bin gespannt, ob sich der weite Weg bis an die südliche Spitze des Inle Sees lohnt. Mein Reiseführer sagt, dass der See der zweitgrößte See in Myanmar ist. Von Nyaung Shwe bis zum südlichsten Zipfel sind es 22 Kilometer.

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Das Wetter ist ziemlich grau und durch den Fahrtwind ist es eisig kalt. Netterweise liegt auf jedem Stuhl eine Decke bereit. Die Berge sind noch komplett von Nebel bedeckt, und ich beschließe, ein kleines Nickerchen einzulegen. Zu sehen gibt es gerade sowieso nichts.

Nach anderthalb Stunden dann der erste Halt. Das Boot muss getankt werden. Überall auf und am See gibt es schwimmende Dörfer, in denen die Intha, die Einwohner des Inle Sees, wohnen. Das Benzin wird in abgefüllten Plastikflaschen verkauft.

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Je weiter wir uns von Nyaung Shwe entfernen, desto weniger Touristenboote begegnen wir und umso besser wird das Wetter. Auf der Fahrt sehen wir neben den schwimmenden Dörfern auch die schwimmenden Gärten der Intha. Da der See nicht gerade tief ist, sind viele Abschnitte bepflanzt. Wir kommen sogar an einem schwimmenden Feld voller Lotusblüten vorbei.

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Neben zwei Klosteranlagen schauen wir uns eine Töpferei und eine Reisweinfabrik an. Nichts, was ich nicht schon gesehen habe, aber es gibt gratis Reiswein, die Natur ist wunderschön und die Mädels sind gute Gesprächspartner. Zudem treffen wir unterwegs immer wieder auf Boote, die randvoll mit burmesischen Familien gefüllt sind. Jedes Mal wird uns wie wild zugewunken. Und jedes Mal kann ich es nicht fassen, in so viele freudenstrahlende Gesichter zu blicken.

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An der Töpferei schenken uns Kinder Lotusblüten. Wir bringen ihnen High Five bei und klatschen jedes Kind zehnmal ab. Am Ende siegt trotz trauriger Kinderaugen der Zeitdruck – es ist bereits drei Uhr nachmittags, und wir (beziehungsweise ich) müssen zurück nach Nyaung Shwe. Mein Nachtbus geht um 19 Uhr, und den will nicht ich unbedingt verpassen.

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An der Bushaltestelle treffe ich eine Holländerin. Sie ist wie ich auf dem Weg nach Yangon, und will von dort aus den Flieger zurück nach Amsterdam nehmen. Sie erzählt mir, dass sie einen zehntägigen Meditationskurs hinter sich hat. Zehn Tage lang meditieren, von morgens fünf bis abends neun Uhr. Dazu absolutes Redeverbot und lediglich zwei Mahlzeiten am Tag. Meditiert wird nur im Sitzen. Die Holländerin gibt zu, dass sie während der Tage öfters übers aufgeben nachgedacht hat.

Mein Nachtbus ist diesmal noch luxuriöser als die Male davor. Hätte ich das Kapital, würde ich diese Dinger direkt in Deutschland einführen. Sitze, die man zu Liegen ausklappen kann, mit eigenem Monitor; dazu verschiedenen Snacks und Heißgetränke. Wir werden von einer männlichen Bus-Stewardess bedient, die sogar einen Anzug trägt. Bei der ersten Pause gibt es für jeden eine Zahnbürste und Zahnpasta. Was ein Service.

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Nichtsdestotrotz täuscht die Ausstattung des Buses nicht über den schlechten Zustand der Straßen im Hinterland von Myanmar hinweg. Die Holländerin und ich haben die letzte Reihe im Bus erwischt. Jedes Schlagloch fühlt sich hier doppelt so schlimm an und ich bereue es, meine Reisetabletten nicht griffbereit zu haben. Die ersten zwei Stunden ist mir speiübel und es kostet mich jegliche Konzentration, die Kontrolle über meinen Magen zu behalten. Im Sitz vor mir steckt die Kotztüte (die netterweise bereitgestellt wird) schon griffbereit. Je weiter wir Richtung Yangon kommen, desto angenehmer wird die Fahrt, und ich kann gegen Mitternacht endlich einschlafen. Am frühen Morgen kommen wir in Yangon an und geht es für mich direkt weiter zum Hostel. Hier werde ich noch eine Nacht verbringen, bevor es morgen früh nach Kuala Lumpur weitergeht und ich endlich Marius wieder sehe. Auch wenn die letzten Wochen der Wahnsinn waren, kann ich es kaum erwarten, mit ihm zusammen weiterzureisen und gemeinsam Abenteuer zu erleben.

bisbald

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#17 Kalaw: Wann sind wir endlich da?

Tag 1

Um kurz nach acht werde ich abgeholt. Am Frühstückstisch habe ich mich noch mit einem älteren deutschen Pärchen ausgetauscht, dass heute auch mit der Wanderung beginnt. Während wir vor unserem Hotel auf den Pickup warten, taped sich die Frau ihre Zehen. Eine clevere Idee, wie ich einige Stunden später schmerzhaft feststellen muss.

Mein Fahrer bringt mich zum nächsten Hotel. Dort treffe ich auf meine Wandergruppe. Sechs Tschechen und ich, dass wird spaßig. Nach kurzem Smalltalk erfahre ich, das Libol, Daniel, Martin und Anna Ärzte sind. Martin sogar für Infektionskrankheiten. Jackpot! Mir kann also während der Wanderung nichts passieren.

Um neun Uhr beginnt die Wanderung. Unser Führer Situ ist noch relativ jung (22 Jahre), bestätigt uns aber, dass er bereits sechs Jahre als Führer in Kalaw arbeitet. Für heute sind 22 Kilometer geplant. Das erste Stück bis zur Mittagspause geht stetig bergauf. Vorbei an Bananen- und Avocado-Plantagen. Der Schweiß perlt von meiner Stirn, und ich krame mein Bufftuch heraus. Die Aussicht ist der Wahnsinn, und die Wege noch gut instandgehalten. Wir kommen zügig voran. Um 11 Uhr erreichen wir bereits unser Restaurant fürs Mittagessen. Situ sagt, wir seien etwas zu schnell gelaufen. Nach und nach trudeln die nächsten Wandergruppen ein. Ich nutze die Zeit, um einige Panoramafotos zu schießen. Die Natur ist einfach wunderschön. Zum Mittagessen gibt es indisch. Dazu meine erste Guacamole seit Wochen. Was eine Geschmacksexplosion. Meine Gruppe und ich sind uns einig, dass wir nicht mit so gutem Essen gerechnet hätten. Ich erzähle ihnen von den zwei Quechua-Französinnen, die ich in Battambang getroffen hatte, und ergänze, dass ich die Tschechen bislang deutlich sympathischer finde. Die Franzosengeschichte wird zum Running Gag des Tages.

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Um halb zwei geht es weiter. Nach kurzer Zeit setzt Regen ein. Ich krame hocherfreut meinen Plastikponcho aus meinem Rucksack, den ich an meinen Einführungstagen in Rotterdam geschenkt bekommen hatte. Er ist doch noch von Nutzen. Der Regen wird stärker, und wir machen eine Teepause an einem kleinen Imbiss. Zuvor sind wir bereits durch ein Dorf gelaufen, in dem wir die verschiedenen Prozesse der Teeproduktion gesehen haben.

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Der Regen wird weniger und die Stimmung bessert sich langsam wieder. Martin spielt Lemon Tree auf der Gitarre des Imbissbesitzers. Alle Burmesen klatschen begeistert Applaus, aber es bleibt bei einem Song.  Wir brechen wieder auf. Für den Tee und die Bananenchips müssen wir nichts bezahlen. Was eine Gastfreundschaft.

Ein Teil der nächsten Etappe laufen wir über Bahngleise. Wir fragen Situ, ob wohl ein Zug kommen könnte, aber er lacht nur.  Langsam schmerzt mein rechtes Knie und ich ahne, dass ich eine Blase am rechten Zeh bekomme. Ich denke an die tapende Deutsche von heute morgen zurück. Die Bahngleise wollen nicht enden. Um mich abzulenken, unterhalte ich mich mit Daniel. Er arbeitet seit zwei Jahren in Essen in der Kinderklinik. Gerade ist er auf der Frühchenstation tätig. Ich löchere ihn mit Fragen und er mich. Ich erfahre, dass das Leben als Assistenzarzt kein Zuckerschlecken ist. Er will trotzdem in Deutschland bleiben. Vielleicht nicht unbedingt in Essen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir den Bahnhof von Myindaik. Am Gleis empfängt uns eine Hündin mit riesigem fleischigen Tumor am Hintern. Die Ärzte unter uns diskutieren, ob es sich um einen herausgestülpten Uterus handelt. Es soll nicht der einzige kranke Hund in diesem Dorf sein. Nach 200 Metern sehen wir einen kleinen Welpen, der offensichtlich ein gebrochenes Rückgrat hat. Seine Hinterbeine schleifen auf dem Boden, und ich frage mich, wie lange er wohl noch überlebt. Tier- und Umweltschutz können sich halt nur die reichen Industrieländer leisten.

Die letzten Kilometer muss ich die Zähne zusammenbeißen. Die Blase schmerzt immer mehr. Es geht weiter rauf und runter, und die Wege werden immer schlechter. Die letzten hundert Meter zur Unterkunft versinken wir dann fast im Schlamm. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als Situ auf die Unterkunft zeigt. Nach einer kurzen Rundführung entscheide ich mich, von der Dusche Gebrauch zu machen. Die anderen lassen mich dankend als erste gehen, und scheinen vom Gedanken einer Eimerdusche noch nicht so angetan zu sein. Mir ist in diesem Moment alles egal, das einzige Ziel ist es, den zentimeterdicken Schweiß von meiner Haut abzuwaschen. So kalt ist das Wasser gar nicht. Nach der Dusche fühle ich mich wie neugeboren. Clara sagt, dass ich ganz schön mutig bin. Aber jetzt trauen sich auch die anderen unter die Dusche. Schließlich will heute Nacht keiner die stinkende Person in unserem Schlaflager sein.

Unsere Handys zeigen an, dass wir lediglich 17 Kilometer gelaufen sind. Darauf angesprochen erklärt Situ, die Handymessung wäre nicht genau. Wir geben die Diskussion auf und wollen abwarten, wie viel wir morgen wandern werden. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mit meiner Blase keinen Meter hätte weiterlaufen können.

Um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken (wir waren laut Situ schon wieder zu schnell), bringt uns die Besitzerin Chips und wir öffnen die ersten Bierflaschen. Langsam wird es kälter, aber der Alkohol wärmt und unterdrückt mein Hungergefühl. Ich lerne, was Bier und Prost auf Tschechisch heißt und das Nomen im Tschechischen dekliniert werden. Darum heißt Clara Claro, wenn man sie direkt anspricht. Die Gesprächsthemen kreisen um Medizin und Politik.

Um kurz nach sechs gibt es Abendessen. Es werden Massen an Essen aufgetischt, und man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Verschiedene gebratene Gemüsesorten, Curry und sogar süße Nusskekse. Wir essen bis zum Umfallen. Dann setzt die Müdigkeit ein. Zum Glück gibt es in der Unterkunft ein Kartenspiel. Aber ich merke schnell, dass ich gegen die Tschechen keine Chance habe. Auch Situ verliert kläglich. Trotzdem schenkt er uns weiter burmesischen Rum ein.

Das Toilettenhäuschen ist im Dunkeln nicht mehr so einladend, und ich beschließe, meinen Bierkonsum zu stoppen, sodass ich nicht mitten in der Nacht auf Toilette muss. Meine 7,99 € Stirnlampe von Decathlon ist mal wieder jeden Cent wert. Nach zwei weiteren Spielen, die ich verliere, ist es 9 Uhr und Clara, Vendula und ich beschließen, schlafen zu gehen. Keine Minute im Bett (eine dünne Matratze auf einem Holzpodest), und ich schlafe bereits wie ein Stein. Was ein anstrengender erster Tag!

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Tag 2

Wir werden in elterlicher Manier aus dem Schlaf gerissen. Um kurz nach sieben kommt die Besitzerin in den Raum und reißt die Türen auf. Die Familie, der die Hütte gehört, schläft im Nebenraum. Unser Koch und Situ haben in der Küchenhütte genächtigt.

Bevor es an den Frühstückstisch geht, verarzte ich noch meine Blase. Drei Pflaster, das sollte für die heutige Etappe reichen. Laut Situ sind heute 26 Kilometer geplant. Mein Körper wehrt sich schon jetzt. Jeder Muskel schmerzt und ich humple zum Frühstückstisch. Gebratener Reis, Bananenbrot und verschiedene Sorten an Obst. Mit Blick auf die heutige Distanz esse ich so viel wie möglich und packe mir noch eine Notfallbanane ein. Ich werde sie brauchen.

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Um 9 Uhr geht es los. Ich habe vorher noch versucht, meine Schuhe von Schlamm zu befreien. Vergeblich, und wie sich nach kurzer Zeit herausstellt, eine reine Zeitverschwendung. Die ersten drei Kilometer der Wanderung sehe ich nichts als Schlamm. Jetzt heißt es, nicht hinzufallen und trockenen Fußes weiterzukommen. Ich höre auf, die Male zu zählen, in denen es mich fast hinlegt. Ich wünsche mir richtige Wanderschuhe mit gutem Profil herbei, und denke wieder zurück an das gutausgestattete Pärchen aus meinem Hotel in Kalaw.

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Unser Endgegner am frühen Vormittag: eine schlammige Böschung. Clara rutscht aus, kann sich aber noch mit den Händen abfangen. Ihre gelbe Hose bleibt gelb, aber ihre Miene verrät, dass ihre Laune nicht unbedingt die Beste ist. Situ versichert uns, dass es ab jetzt einfach wird. Wir laufen weiter, und sind umgeben von Feldern. Reisfelder, Kornfelder, Maisfelder, Chilifelder, Kohlfelder, Sesamfelder. Ich sehe, wie die Felder ohne jegliche Maschinen bewirtschaftet werden. Das Wort Ackerei ist hier wörtlich zu nehmen. Wie es hier wohl in ein paar Jahren aussehen wird? Werden dann vielleicht die ersten Familien Maschinen besitzen?

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Um kurz nach 12 eine kurze Pause. Die Puste ist raus. Ich teile meine verbliebenen Dextro Energy mit allen, in der Hoffnung, es erleichtert die restliche Strecke bis zum Mittagessen. Obwohl die Landschaft wunderschön ist, konzentriert sich meine ganze Aufmerksamkeit ans weiterlaufen. Nach einer halben Stunde bergauf erreichen wir endlich die Familie, bei der wir zu Mittagessen werden. Wir dürfen im größten Raum des Hauses Platz nehmen. Eine Cola erleichtert die ersten Minuten bevor das Essen fertig ist. Es gibt gebratene Nudeln, eine scharfe Suppe und wieder eine riesige Schüssel Guacamole. Dazu Wassermelone und Mandarinen. Situ eröffnet uns, dass wir zwei Stunden Mittagspause machen. Zeit genug also, um einen kleinen Powernap einzulegen.

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Die Pause tat gut, aber umso schwieriger ist es, jetzt wieder die Motivation für die verbleibenden zehn Kilometer zu finden. Zumindest wird mein steifer Körper nach wenigen Minuten wieder warm und die Schritte fallen mir leichter. Jeder stöhnt, aber keiner jammert. Selbst Daniel, der dank riesiger Blasen an beiden Fersen am meisten zu kämpfen hat, humpelt verbissen weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Mir gefällt das Durchhaltevermögen unserer Gruppe. Die Tschechen sind hart im Nehmen. Ich unterhalte mich mit Martin über Parasiten und was mich hier wohl am ehesten umbringen kann. Da wir gestern Abend schon meine Impfhistorie durchgegangen sind, bleibt laut Martin alleinig Malaria übrig. Aber Malaria bringt dich in Asien nicht um, versichert Martin mir. Während ich gedankenverloren nach meiner Trinkflasche krame, trete ich in ein riesiges Schlammloch. Mein rechter Schuh ist komplett verschlammt. Zumindest sind meine Füße trocken geblieben. Zum Ärgern bleibt keine Zeit. Meine Schuhe müssen nach diesen drei Tagen eh gewaschen werden.

Auf dem Weg treffen wir wieder auf einige Trekkinggruppen und machen eine kurze Pause. Der Ausblick ist wunderschön. Situ versichert, dass wir nur noch gut 30 Minuten vor uns haben. Ein Lichtblick am Ende des Tunnels. Wir schöpfen alle neuen Mut und kämpfen uns durch Äcker und den letzten Hügel hinauf. Erste Häuser signalisieren, dass wir es fast geschafft haben. Um kurz vor fünf betreten wir dann den Bauernhof von Frau Mi, bei der wir heute schlafen werden. Insgesamt sagt mein iPhone, dass wir 19 Kilometer gelaufen sind. Das sind wieder deutlich weniger als von Situ prognostiziert, aber diesmal störe ich mich nicht daran. Mein erster Weg verschlägt mich wieder Richtung Dusche. Diesmal bietet die Eimerdusche weniger Sichtschutz, und ich entscheide, in der Hocke zu duschen. Das funktioniert auch, ist aber weniger bequem.

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Wieder ist das Bier die erste Nahrung, die wir zu uns nehmen. Unser Koch übertrifft sich mit dem Abendessen mal wieder selbst. Wobei mein ausgelaugter Körper in dieser Situation wahrscheinlich alles gegessen hätte. Während sich in meinem linken Bein ein Krampf ankündigt, diskutieren wir wieder über Politik. Die Fronten verhärten sich, und mein linkes Bein auch. Martin lockert die Stimmung mit der Gitarre des Kochs. Wir singen Wonderwall und ich versuche mich an Juli. Keiner kennt die Band. Wieder geht es für mich um 9 Uhr ins Bett, und ich hoffe, dass es meinem linken Bein morgen bessergeht.

 

Tag 3

Ich werde automatisch um 7 Uhr wach. Der letzte Tag, die letzten 16 Kilometer (laut der Prognose von Situ). Mein Körper scheint sich an die Belastung gewöhnt zu haben. Der erste Weg zum Toilettenhäuschen verläuft problemlos.

Am Frühstückstisch ist die Stimmung sehr ruhig. Jeder bereitet sich in Gedanken auf die letzte Etappe vor. Heute wandern wir nur vormittags bis zum Rand des Inle Sees. Den Rest der Strecke nach Nyaung Shwe legen wir nach dem Mittagessen mit dem Boot zurück. Es gibt gefüllte Pfannkuchen mit Schokolade und Rosinen. Ich habe das Gefühl, das Essen wird jeden Tag besser.

Der heutige Wanderweg gleicht eher einem Pilgerweg. Es sind viele Trekkinggruppen unterwegs. Situ erzählt, dass viele Touristen nur einen oder zwei Tage wandern. Tatsächlich sehen viele Wanderer, die wir überholen, deutlich gepflegter aus als ich. Teilweise laufen Leute in profillosen Sneakers herum und ich sehe mehrere Asiaten, die etwas zu tief in den Schminktopf gegriffen haben. Am ersten Tag hatte Situ erzählt, dass Asiaten meist am dritten Tag aufgeben.

Nach zwei Stunden gibt es eine kurze Pinkelpause und für jeden einen Softdrink zur Stärkung. Danach folgt der Abstieg. Abgesehen vom Schlamm des zweiten Tages ist dieser Teil der Strecke tatsächlich der Anspruchsvollste. Es geht nur langsam voran und teilweise staut es sich sogar. Nach kurzer Zeit ist der Grund ausgemacht – eine Wanderin, die einen Arm in einer selbstgebastelten Schlinge trägt. Ich frage mich, warum sie nicht auf ein Motorrad umsteigt und sich die einhändige Kletterpartie antut. An einem Checkpoint schenken uns Kinder Blumen – für mich fühlt es sich wie eine Medaille an.

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Runter ist genauso anstrengend wie hinauf. Ich muss auf jeden Schritt achten und frage mich, wie lange wir wohl noch unterwegs sind. In der Ferne ist bereits deutlich der See zu erkennen. Es geht weiter über glitschige Steine. Wir überholen das deutsche Pärchen aus meinem Hotel in Kalaw. Diesmal reicht es nur für ein lächelndes Hallo. Sie sehen nicht so fertig aus wie ich.

Situ ruft, dass es nur noch fünf Minuten bis zum Restaurant sind. Inzwischen laufen wir durch einen Bambuswald. Wieder bin ich erstaunt, wie schnell die Landschaft sich ändern kann. Für Flora und Fauna-Liebhaber ist diese Wandertour auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Wir alle schleppen uns die letzten Meter bis zum Ziel. Mittagessen. Pause. Wir verabschieden uns von Situ und dem Koch (dessen Namen ich leider vergessen habe), und zum ersten Mal gebe ich Trinkgeld. Situ hat wirklich einen großartigen Job geleistet, unsere Fragen zu beantworten (Wie lange noch?), uns zu motivieren (Wie weit noch?), und uns mit nur wenigen Blessuren ins Ziel zu bringen.

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Heute sind wir tatsächlich die angepeilten 16 Kilometer gelaufen. Vielleicht war meine GPS-Messung die letzten Tage tatsächlich falsch, und ich habe die kompletten 65 Kilometer absolviert. Vielleicht auch nicht. Wie auch immer, es war schön, aber auch schön anstrengend. Zum Schluss frage ich Situ, ob er schon einmal Leuten abgeraten hat, die 3-Tage-Wanderung zu buchen. Er sagt nein. Es kommt immer auf die eigene Selbsteinschätzung an.

bisbald

#16 Hsipaw: Landluft, Einzelzimmer und Straßenhunde

Nach einem anstrengenden Tag in Mandalay und einer sehr kurzen Nacht ging es um drei Uhr morgens Richtung Bahnhof. Von dort aus sollte um vier Uhr morgens mein Zug nach Hsipaw starten. Am Vortag hatte ich bereits mein Ticket für 1,700 Kyat gekauft. Umgerechnet waren das ein Euro und acht Cent für eine 13-stündige Zugfahrt in der Holzklasse (Ordinary Class). Da mir viele berichteten, dass sich die 2,000 Kyat mehr für die Upper Class nicht lohnten, ging ich das Risiko von unbequemen Sitzmöglichkeiten und ekeligen Toiletten ein, und erhoffte mir dadurch, dass ich somit vielen Touristen – die lieber die höhere Klasse buchten – ausweichen könnte (denn die Zugstrecke Mandalay – Hsipaw gehört zu einer der beliebtesten Touristenstrecken in Myanmar).

Der Weg zum Bahnhof erwies sich als bislang riskantestes Erlebnis meiner Reise. Durch das Hostel und Mr. Si gewarnt, dass man sich in Acht vor etwaigen Straßenhunden nehmen sollte, stampfte ich zusammen mit einem Dänen (der dasselbe Ziel hatte wie ich) aus meinem Hostel um kurz nach drei Richtung Hauptbahnhof los. Knappe 700 Meter, die schnell und einfach zu bewältigen sein sollten. Nach 200 Metern der erste Kontakt mit einer Gruppe von Hunden, die sich sehr angriffslustig in den Weg stellten. Unsere Taktik: Schnell umdrehen und die Richtung wechseln. Nach einiger Zeit, unzähligen Begegnungen mit bellenden Hunden und mehreren Kehrtwendungen sahen wir beide uns schon mit Bisswunde im nächsten Flieger nach Bangkok (da wir davon ausgingen, dass Tollwutmedikamente nicht unbedingt in Myanmar verfügbar seien, und der Luftweg nach Bangkok wahrscheinlich auch noch deutlich schneller sei als die 13 Stunden Busfahrt nach Yangon). Auch wenn ich froh war, bereits gegen Tollwut geimpft zu sein, und damit etwas höhere Überlebenschancen besaß als meine dänische Reisebegleitung, konnte ich dennoch nicht sagen, wem von uns an diesem Morgen das Herz weiter in die Hose rutschte. Nach einer halben Stunde gesellte sich zur panischen Angst vor einem Hundebiss auch noch der Zeitdruck dazu. Wenn nur einmal am Tag ein Zug fährt, kann da schon mal Stress entstehen. Ich kann euch eins sagen: Stress und Angst sind keine gute Kombination. Aber die Kombi sorgte dafür, dass wir trotz Müdigkeit, Hunger und schwerem Gepäck nicht aufgaben und um zehn vor vier endlich vorm Hauptbahnhof standen, eingehüllt in (Angst)Schweiß und mit einem Puls von 300.

Für den Rest der Reise habe ich beschlossen, mir nachts, egal wie kurz die Distanz auch sei, ein Taxi zu nehmen. Der Däne übrigens auch. Sein Lieblingssatz während unseres 50-minütigen Zickzacklaufs: „I hate these fucking dogs, man, I’m so fucking scared“.  Das konnte ich genauso unterschreiben.

Nun zur Zugfahrt. Vier Uhr ist vielleicht nicht die angenehmste Uhrzeit um eine Zugfahrt zu starten, aber zumindest saß ich gegenüber einer netten Schweizerin und hatte eine Holzbank für mich alleine. Die ersten Stunden war es relativ frisch, und ich war froh, meine Jacke eingepackt zu haben (die ich übrigens zum ERSTEN Mal benutzt habe). Trotz Kälte und harter Holzbank schaffte ich es irgendwie, in Embryohaltung einigermaßen gemütlich zu schlafen. Ich muss sogar gestehen, dass das Schunkeln des Zuges aktiv zu meinem Tiefschlaf beigetragen hat. Nach mehreren kleineren Stopps an Bahnhöfen (an denen ich mich mit Verpflegung versorgen konnte) kam zur Mittagszeit dann das Highlight der Zugstrecke: Die Überquerung der höchsten Eisenbahnbrücke in Myanmar, der Goteik Viadukt. Ganz schön hoch das Ding. Die Landschaft drum herum – ein wunderschöner Mix aus Bergen, Feldern und kleinen Dörfern – konnte sich sehen lassen. Eigentlich kam ich während der ganzen 13-Stunden Fahrt nicht aus dem Staunen heraus (na gut, ausgenommen in der Zeit, wo ich schlief). Dennoch war gerade mein Sitzfleisch froh, als wir um kurz vor fünf endlich in Hsipaw ankamen. Eine Holzbank ist halt doch kein Kinosessel.

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Im Hotel angekommen, die überraschende Nachricht – ich hatte ein Zimmer nur für mich! Wahrscheinlich habe ich bei meinen ganzen Buchungen irgendwas durcheinandergebracht. Ich war eigentlich davon ausgegangen, die nächsten zwei Tage wieder in einem Schlafsaal zu verbringen. Stattdessen bekam ich für 13 Dollar die Nacht ein riesiges altrosa gefliestes Zimmer mit eigenem Bad. Manche Leute würden das Dekor vielleicht als hässlich beschreiben, aber ich kam mir in diesem Moment vor wie in einem Luxushotel. Keine schnarchenden Zimmergenossen, keine unangenehmen Gerüche und vor allem – kein Lärm.

Am nächsten Tag stand ich nur zum Frühstück um halb neun auf und legte mich danach erst einmal wieder ins super gemütliche Bett. Mittags lieh ich mir dann ein Fahrrad vom Hotel und erkundete ein wenig die kleine Ortschaft. Es gab viele Restaurants und Teestuben, süße Cafés am Flussufer und einen großen Markt. Hier schlenderte ich kurz rüber und fragte an einer Schneiderei, ob sie meine Jeansshorts, die ich mir in Bangkok gekauft hatte, am Bund etwas enger nähen könnten (in Zeichensprache natürlich). Zwei Minuten später hatte die Frau bereits ihren ersten Stich gesetzt und nähte munter (auf ihrer sehr altmodischen Nähmaschine) drauf los. Nach wenigen Minuten hielt sie mir meine Hose stolz vor die Nase und ich holte meinen Geldbeutel raus, um zu bezahlen. Sie winkte dankend ab, und ich wurde abermals davon überzeugt, dass die Burmesen das absolut allernetteste Volk auf diesem Planeten sind. Oder zumindest gemessen an den Ländern, die ich bereits besucht habe.

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Da ich am nächsten Nachmittag bereits den Nachtbus nach Kalaw nehmen wollte, entschied ich mich, am nächsten Tag etwas früher aufzustehen und noch eine kleinere Wanderung zum nächstgelegenen Wasserfall zu unternehmen. Vorbei an Feldern, einem Friedhof und einer Müllkippe (hier hat man doch wieder einmal gesehen, dass Myanmar ein Entwicklungsland ist) ging es gemütliche sechs Kilometer zum Nam Tuk Wasserfall. Wer gute Augen hat, findet ihn auf zwei der Bilder. Der Wasserfall war hübsch anzusehen, aber mich faszinierte eigentlich mehr das, was ich auf dem Weg dorthin sah. Feldarbeit, wunderschöne Natur und ein paar Rinder, die im nahgelegenen Bach eine kurze Abkühlung genossen. Auch wenn Marius scherzhaft meinte, was ich denn in diesem Kaff wollen würde, bin ich sehr froh, an den für Touristen nördlichsten Punkt in Myanmar gefahren zu sein. Endlich mal keine Großstadt, kein Halli Galli und ganz viel Natur. Dazu noch gutes Essen (da Hsipaw im nördlichen Shan-Staat liegt, habe ich hier größtenteils nur Shan Nudeln gefuttert), ein ruhiges Hotel und eine ersehnte Pagodenpause. Was will man mehr?

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Am späten Nachmittag ging es dann mit dem Nachtbus ins 230 Kilometer entfernte Kalaw, das im südlichen Shan-Staat liegt. Die Bustour verlief relativ entspannt, und dank meines Lagenlooks und meiner Mütze (die ich leider im Bus liegen ließ) habe ich zum ersten Mal nicht gefroren. Um vier Uhr morgens weckte mich der Busfahrer unsanft aus meinem sehr tiefen Tiefschlaf und es ging in meine nächste Unterkunft. Auch wenn ich erst für die darauffolgende Nacht ein Zimmer gebucht hatte, durfte ich netterweise im Nebenhaus bei den Angestellten in einem kuscheligen Bett weiterschlafen. Ohne extra Aufschläge, versteht sich. Sogar Frühstück habe ich heute bekommen und bin danach in mein richtiges Zimmer umgezogen.

Hauptziel war heutig übrigens die Buchung einer Trekkingtour (Trekking ist hier ein cooleres Wort für Wandern) für die nächsten drei Tage. Mit A1 Trekking werde ich ab morgen also 65 Kilometer bis zum Inle See (meiner letzten Station in Myanmar) wandern. Jeden Tag um die 20 Kilometer mit lokalen Führern, die für mich und meine Wandergruppe kochen. Schlafen werden wir bei burmesischen Familien. Da es auf den Bildern nicht so aussah, als hätten die Betten ein Moskitonetz, habe ich schon mal meinen Vorrat an Mückenspray aufgestockt und bin froh, die 193,60 € für die Impfung gegen japanische Enzephalitis ausgegeben zu haben. Mein Tagesrucksack ist für drei Tage gepackt und ich denke, ich bin (hoffentlich) auf jede erdenkliche Situation vorbereitet. Mein Backpack wird netterweise direkt zum Inle See gebracht. Die 65 Kilometer werden also mein letztes großes (physisches) Abenteuer, bevor ich Marius endlich wiedersehe. Ich bin mir noch nicht so sicher, wie stark die körperliche Belastung ist, aber ich gehe davon aus, dass die Wanderung an sich nicht so anspruchsvoll sein wird. So hohe Berge gibt es hier nämlich nicht. Dennoch, 20 km am Tag werden wahrscheinlich auch kein Zuckerschlecken. Aber darüber werdet ihr dann im nächsten Bericht erfahren.

bisbald

#15 Mandalay: deutsche Privilegien, ein Kokosnussdonut und die längste Teakholz-Brücke der Welt

Von Bagan ging es gestern um fünf Uhr morgens Richtung Mandalay, und damit in die zweitgrößte Stadt Myanmars. Mein Verkehrsmittel diesmal: das Schiff. Für 32 US-Dollar versprach die 10-Stunden Fahrt gute Verpflegung und eine tolle Aussicht auf den Irawadi-Fluss. Die Wahrheit nach meiner Ankunft in Mandalay: Weder die Aussicht, noch die Verpflegung haben mir in irgendeiner Weise zugesagt. Dafür konnte ich dem Fakt, der einzige Passagier an Bord zu sein, sehr viel abgewinnen. Ich konnte viel versäumten Schlaf der letzten Tage nachholen, habe angefangen, meine Kamerabilder zu sortieren und natürlich den Blog auf den neusten Stand zu bringen. Das war in den vollgepackten Tagen in Bagan nämlich nicht möglich.

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Bereits abends am Hostel verabredete ich mich mit Mr. Si für eine Sightseeing-Tour am nächsten Tag in Mandalay und in der Umgebung. Für umgerechnet 13 Euro von Sonnenauf- bis untergang fand ich das einen durchaus gerechtfertigten Preis.

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Um 5.30 Uhr (früh aufstehen in Myanmar ist für mich bereits Normalität) ging es auf Mr. Sis Motorrad zur U Bein Bridge. Ich hatte gelesen (und das bestätigte mir Mr. Si auch am Abend zuvor), dass es an der Brücke zum Sonnenaufgang noch etwas ruhiger zugehe. Und was soll ich sagen: Bis auf die Mönche, die die 1,2 Kilometer lange Brücke überquerten, konnte ich nur eine Handvoll Touristen zählen, die sich zu dieser frühen Stunde aus dem Bett gequält hatten. Zusammen mit einer sehr netten Malaysierin (die mir bereits Tipps für Marius und meine Zeit in Kuala Lumpur gab) und zwei Franzosen (mit denen ich nicht ganz warm geworden bin) habe ich mir ein Boot geteilt, um auf die Mitte des Taungthaman Sees zu fahren. Von hier aus hatte man eine fantastische Aussicht auf die Brücke und den bevorstehenden Sonnenaufgang. Die Stille wurde lediglich vom Betelnusskauen unseres Ruderbootfahrers gestört. An die Kau- und Spuckgeräusche habe ich mich übrigens immer noch nicht gewöhnt, genauso wenig wie an die roten vor sich hin rottenden Münder vieler Burmesen. Mr. Si rauchte zum Glück nur und verfügte über ein strahlend-weißes Lächeln.

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Weiter ging es nach Sagaing, dass auf der anderen Seite des Irawadi liegt. Nach einem kurzen Frühstücksstop (Mr. Si lud mich auf Shan Nudeln ein, die getreu des Namens aus dem östlichen Shan-Staat kommen), ging es weiter zu zwei größeren Pagoden. Mr. Si erklärte mir, warum der Lucky Buddha elf Finger besitzt und ich spendete 30 Cent an die Vergoldung der Buddha-Statue, da noch niemand am Eingang saß, um eine Gebühr für meine Kamera zu kassieren. In jeder Pagode stehen hier nämlich hunderte von Spendenboxen, und die Burmesen können anscheinend gar nicht genug von vergoldeten Pagoden und Buddhas bekommen (oftmals wird auch am Straßenrand für den Bau von neuen Pagoden Geld gesammelt). Mr. Si bat mich auf jeden Fall, meine Kameragebühr zu spenden, auch wenn ich das Geld lieber an ein etwas sozialeres Projekt gegeben hätte. Aber ich wollte nicht unhöflich erscheinen und nach der Bedeutung jeder einzelnen Spendenbox fragen (wobei es wahrscheinlich bei jeder Box um die Vergoldung eines anderen Gegenstandes geht). An einer der Pagode hingen sogar Namensschilder von Spendern, und ich habe einige deutsche Namen darauf entdeckt.

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Weiter ging es zum absoluten Highlights des Tages – wir machten einen Zwischenstop bei der Sagaing Hill Monastic Education Free School. Bei meiner Ankunft füllten sich bereits die Klassenräume mit hunderten Kindern. Bevor der Unterricht mit einem traditionellen Gebetsgesang begann, hatte ich Zeit, mir die Klassenräume näher anzuschauen. Winzige Holzbänke und schmale Tische, eine Tafel, und einige selbstgemalte Plakate an der Wand – ich glaube, hier wurde mir erst einmal wieder richtig bewusst, wie privilegiert wir eigentlich in Deutschland leben. Die Kinder hier in der Schule hatten die einfachsten Hefte und Materialien zur Verfügung, und trotzdem sah ich in hunderte strahlende Gesichter, als der Unterricht begann. Vom Kindergarten bis zum oberen Schulabschluss wird hier alles unterrichtet. Auf einem der Fotos könnt ihr sehen, wie sehr die Schule in den letzten fast 15 Jahren seit ihrer Gründung gewachsen ist. Ich bin sehr froh, die Schule besucht und diese Erfahrung gesammelt haben zu können, auch wenn ich teilweise mit meinen Emotionen kämpfen musste (das lag nicht nur an den vorherrschenden primitiven Verhältnissen, sondern auch am Gebetsgesang der über 700 Schüler, der einfach wunderschön war). Ein Mönch brachte mich zum Abschluss noch in den Kindergarten, wo mir jedes Kind freudestrahlend ein High-Five zum Abschied gab.

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Nach der Besichtigung der Universität, die auf der anderen Straßenseite lag, tranken Mr. Si und ich einen traditionellen süßen Tee an einer der vielen Teestuben am Straßenrand. Dazu gab es für mich Onde jar bausi (wahrscheinlich wird es anders geschrieben), einen Kokosnuss-Zucker-Donut. Ich stellte Mr. Si tausende Fragen über das Schulsystem, seine Familie und auch seine Zukunftspläne. Sogar über den Rohingya-Konflikt haben wir gesprochen, aber seine Meinung dazu war sehr eindeutig. Seiner Ansicht nach ist dieser Volksstamm illegal nach Myanmar eingewandert und bedroht den Zusammenhalt und die Sicherheit in der buddhistischen Bevölkerung. Angesichts der Tatsache, dass so auch in der burmesischen Presse berichtet wird, überraschte mich seine Erklärung jedenfalls nicht. Dennoch habe ich viel von ihm gelernt, über die Regierung, den Jobmarkt und das durchschnittliche Einkommen der meisten Burmesen. Auf die Frage, ob Mr. Si mal (so wie ich und Marius) in ein anderes Land reisen möchte, antwortete er: „Ich müsste erst einmal mein eigenes Land bereisen“. Denn bis jetzt ist er noch nicht einmal über den Großraum Mandalays hinausgekommen.

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Mit dem Sonnenuntergang am Mandalay Hill endete für mich ein erlebnisreicher, anstrengender und emotionaler Tag. Ich kann Mr. Si nicht dankbarer sein für all die Einblicke, die er mir heute ermöglicht hat und die ich sicherlich nie vergessen werde.

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#14 Bagan: Pagoden, E-Roller und panische Amerikaner

Um von Yangon nach Bagan zu kommen habe ich mich wieder zum Nachtbus hinreißen lassen. Dieses Mal im VIP-Bus – das versprach deutlich mehr Komfort, mehr Platz und … eine noch aktivere Klimaanlage. Trotz Alaska-Kälte konnte ich der Busfahrt viel abgewinnen. Keinen Sitznachbarn, keine nervige Musik und Verpflegung inklusive  – falls ich also nochmal den Nachtbus nehmen sollte, lege ich die 3500 Kyat extra (2,20 Euro mehr im Vergleich zum normalen Nachtbus) gerne hin. Und packe vielleicht doch noch eine extra Jacke ein.

Im Hostel angekommen kam erst einmal der Schock: Ich konnte um acht Uhr morgens weder mein Zimmer beziehen, geschweige denn duschen oder im Hostel frühstücken. Bislang waren meine Hostels sehr kulant gewesen und ließen mich immer früher ins Zimmer. In diesem Fall war das leider nicht möglich. Meine Laune war nach vier Stunden Schlaf nicht unbedingt die Beste, aber als ich gedankenverloren an der Rezeption saß und überlegte, wie ich in diesem (ungeduschten) Zustand den Tag verbringen sollte, wurde ich von Julia angesprochen, einer Düsseldorferin, die für gerade einmal neun Tage Myanmar bereist. Da sie vor der selben Check-In-Problematik stand wie ich, beschlossen wir, zusammen den Tag zu verbringen. Das Ausleihen der E-Roller verlief sehr unkompliziert (5000 Kyat für einen Tag, und der Verleih wollte noch nicht mal unseren Ausweis einbehalten) und ich war erstaunt, dass ich trotz mangelnder Fahrkenntnisse nach kurzer Zeit bereits den Dreh raushatte. Und natürlich habe ich einen Helm getragen, Papa.

Wir fanden relativ schnell heraus, dass der Besuch der größeren Tempel nicht unbedingt unser Ding ist (da es hier von riesigen Ausflugsbussen und nervigen Händlern wimmelte), und konzentrierten uns auf die in der Karte eingezeichneten Aussichtspunkte. Meist waren es kleinere Pagoden, bei denen der Eingang offen stand und man von oben einen tollen Ausblick genießen konnte. Ein wenig abenteuerlich war es schon, durch die kleinen Gänge nach oben zu klettern, aber wir wurden mit wunderschönen Ausblicken belohnt.

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Bagan ist definitiv kein Vergleich zu Angkor in Kambodscha. Ich hatte das Gefühl, es gibt abertausende Pagoden, an denen wir halten könnten, und bei den abgelegeneren Pagoden waren wir tatsächlich die einzigen Gäste. Der Mix aus Natur, Pagoden und Berglandschaft war einfach wunderschön. Mit unseren Rollern konnten wir die Hauptspots der chinesischen Touristen umfahren und waren abseits der Hauptstraße komplett alleine. Zwischendurch hielten wir an Straßenständen für eine obligatorische Kokosnuss (die einfach so viel besser schmeckt als in Deutschland).

Kurz vor Sonnenuntergang hatte mein Hinterreifen dann einen Platten. Wir hatten am Morgen nicht unbedingt auf die Qualität der Roller geachtet, den erstbesten Rollerverleih angesteuert und bekamen jetzt die Quittung dafür. Gott sei Dank waren wir nicht mitten in der Wildnis gestrandet, sondern fanden uns in der Nähe eines gutbesuchten Palastes. Eine Burmesin rief netterweise den Rollerverleih an, und 30 Minuten später kam ein Mechaniker mit einer Luftpumpe. Der aufgepumpte Reifen hielt genau 200 Meter, und wir beschlossen, meinen Roller besser stehen zu lassen und zu zweit auf Julias Roller weiterzufahren.

Beim Sonnenuntergang hatten wir leider nicht so viel Glück wie zuvor bei den anderen Pagoden. Waren wir die erste halbe Stunden noch alleine auf dem Dach, gab es eine Stunde später keinen freien Stehplatz mehr (und ich hatte mich schon gewundert, warum vor der Pagode so viele Händler ihre Stände aufgebaut hatten). Durch die vielen Wolken war der Sonnenuntergang außerdem unspektakulär und wir fuhren früh wieder zurück zum Hostel. Endlich eingecheckt (wir durften netterweise gemeinsam ein Zimmer beziehen) war die (kalte) Dusche ein himmlisches Erlebnis. Dadurch, dass der Großteil der Straßen und Wege in Bagan nicht befestigt ist, habe ich locker eine zentimeterdicke Staubschicht von mir herunter gewaschen.

Am nächsten Tag klingelte der Wecker um Viertel vor fünf zur Sonnenaufgangstour, die unser Hostel kostenlos anbot. Wieder ging es zu einem abgelegenen Tempel, und wieder war die Aussicht wunderschön. Um kurz nach sechs stiegen dann die ersten Heißluftballons auf, die Touristen hier für 350 US-Dollar buchen können (ich hatte vor meiner Reise auch überlegt, so einen Flug zu buchen, aber für gerade einmal 45 Minuten fand ich den Preis sehr übertrieben). Und auch von unserer Pagode aus war der Sonnenaufgang fantastisch. Ich glaube, die Bilder sprechen für sich selbst. Wer bis jetzt noch zweifelt, Myanmar zu bereisen, den werden die nachfolgenden Fotos hoffentlich überzeugen.

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Bis zum Mittag ging es weiter durch die Tempellandschaft. Am Shwe Leik Too Tempel trafen wir auf eine Reisegruppe aus Amerika, und Julia wurde versichert, „you are very brave to travel this country alone without booking a guided tour„. Ja, super mutig sind wir. Ich muss sagen, ich fühle mich in Myanmar bislang viel sicherer als in Kambodscha, und kann über die Panikmache der Amerikaner nur lächeln. Auch wenn es an der Verständigung manchmal hapert, sind alle Burmesen, die ich bislang getroffen habe, super hilfsbereit. Lustigerweise sind wir Europäer hier immer noch eine Rarität, und so wurden Julia und ich mit vielen Fotokameras abgelichtet. Der Ansturm auf uns als Fotomotiv war besonders extrem, nachdem wir bei einer Burmesin am Straßenrand die typische Thanaka-Behandlung bekamen. Das Zeug kühlt echt extrem und fühlt sich sehr angenehm auf der Haut an. Ich habe mir vorsorglich zwei Packungen mitgenommen, da die Paste auch gegen Hautunreinheiten wirken soll. Und bei der Luftverschmutzung hier tut eine Thanaka-Maske meiner Haut wahrscheinlich richtig gut.

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Nach einem Nachmittagsschläfchen ging es um halb fünf Richtung Flussufer. Das Hostel bot eine Sunset-Bootstour an, und nach anderthalb Tagen Roller fahren und navigieren (was ganz schön schlauchen kann), war ich froh, mit einem Gin Tonic bewaffnet im gemütlichen Ausflugsboot umherzufahren. Am Abend hieß es dann Abschied nehmen von Julia (die leider eine andere Reiseroute hat als ich), und alle sieben Sachen zusammenpacken. Morgen früh geht es um halb fünf los Richtung Mandalay.

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bisbald

#13 Mount Kyaiktiyo: Buspanne, kreischende Burmesen und ein goldener Fels

Weil Großstädte auf Dauer anstrengend werden, bin ich für einen Tag zum Berg Kyaiktiyo gefahren, der etwa 200 km nordöstlich von Yangon liegt. Das genaue Ziel: der goldene Felsen, einer der wichtigsten Pilgerstätten Myanmars. Das Besondere: auf 1100 Metern soll der Fels alleine von zwei Haaren Buddhas auf dem Berg gehalten werden (laut Legende).

Die Busse zum Basiscamp hatte ich über mein Hostel buchen können. Um 5 Uhr ging es zunächst mit dem Taxi Richtung Busstation. Diese liegt rund eine Stunde ausserhalb des Zentrums von Yangon. Eigentlich sehr clever, denn so wird der innerstädtischen Allzeit-Stau umgangen. Um kurz nach sechs ging es pünktlich los und ich war erstaunt, wie viele Leute so früh morgens mit mir im Bus saßen (und was sie dabei alles transportierten). Zudem war ich froh, einen Pulli und Sarong mit eingepackt zu haben, denn der Bus war auf gefühlte minus 20°C temperiert. Mein Hostel hatte mir netterweise ein Frühstückspaket (Reis, Linsen und Bohnen mit Kokosraspeln) mitgegeben, und so sah ich den angepeilten dreieinhalb Stunden Busfahrt entspannt entgegen. Es war wunderschön, die Landschaft Myanmars beim Sonnenaufgang zu beobachten und zu sehen, wie das Leben am Straßenrand langsam begann.

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Etwa 20 km vor dem Ziel hielt der Bus dann plötzlich am Rand der mit Schlaglöchern übersäten Fahrbahn. Auch eine halbe Stunde später bewegte sich noch nichts, und aus dem burmesischen Gebrabbel meines Sitznachbarn wurde ich auch nicht schlauer. Also sah ich mir den Schaden von außen an – um es kurz zu fassen, war wohl irgendwas an der Kühlung kaputt. Aufgrund des vielen Dampfes, der aus der Rückseite des Busses aufstieg, der ratlosen Blicke des Busfahrers und helfenden Burmesen und der allgemeinen Zeitknappheit meiner Tagestour entschied ich mich spontan, weiter zu trampen. Zusammen mit vier anderen Ausländern, die mit im Bus gesessen hatten (zwei ältere Spanierinnen und ein tschechisches Pärchen) konnten wir schnell einen Lastwagenfahrer anhalten, der uns auf der Ladefläche mit zum nächsten Taxistand nahm. Von da aus ging es im Shared Taxi weiter Richtung Basislager, wo wir auf einen weiteren LKW umsteigen mussten, der bis zur Mittelstation fahren würde. Noch etwas unsicher, was wohl die beste Platzwahl wäre, fand ich mich am Ende zusammengequetscht auf der hintersten Bank des LKWs wieder. Zeitweise kam ich mir wie bei einem Viehtransport vor – insgesamt saßen mindestens 60 Leute auf der kleinen Ladefläche des LKWs. Die Fahrt entpuppte sich schließlich als sehr rasant (trotz steiler und schmaler Serpentinen), was dazu führte, dass der Großteil der burmesischen Passagiere ein Kreischkonzert wie auf einer Achterbahnfahrt veranstaltete.

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Nach knapp sechseinhalb Stunden war ich endlich am goldenen Felsen angekommen. Zwei Stunden später als ursprünglich geplant, so dass ich relativ schnell durch die Tempelanlage hetzen musste. Die Aussicht war meiner Ansicht nach enttäuschend, da man durch den vielen Smog nicht gerade weit schauen konnte. Der goldene Felsen: Ganz nett, aber auf Fotos sieht er doch irgendwie spektakulärer aus. Männer können am Felsen übrigens Blattgold anbringen (das man direkt vor Ort kaufen kann). Frauen dürfen den Felsvorsprung nicht betreten (und den goldene Felsen somit nicht berühren). Was ich ganz interessant fand: Da viele ältere Pilger die letzten 300 Höhenmeter zum goldenen Felsen nicht mehr alleine bewältigen können, werden sie auf Tragbahren hochgeschleppt. Zur Mittelstation wird gerade übrigens eine Seilbahn gebaut.

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Nach anderthalb Stunden auf dem Platteau durfte ich mich auch schon wieder auf den Heimweg begeben. Diesmal sicherte ich mir einen luftigeren Platz an der Seite des LKWs, aber leider erwies sich der Magen meiner burmesischen Sitznachbarin während der Abfahrt (die sich als noch abenteuerlicher entpuppte als der Weg nach oben) als sehr sensibel. Zumindest hatte sie im Vorfeld schon für eine Spucktüte gesorgt.

Nach fünf Stunden Busfahrt zurück nach Yangon (aufgrund des Feierabendverkehrs) hatte ich dann auch noch das Pech, an einen unerfahrenen Taxifahrer zu gelangen. „Kennen Sie diese Adresse?“ „Ja, kein Problem“. Als ich im Taxi saß und mir aufgrund seiner langsamen Fahrweise bewusst wurde, dass er keinen Schimmer hatte, wo ich hin wollte, half leider auch meine Idee, ihm Google Maps zu zeigen, nicht weiter. Während der Fahrer irgendwann seine Frau und sein Kind einsammelte (da seine Frau etwas besser Englisch sprach als er), versuchte ich allen die interaktive Straßenkarte zu erklären. Vergeblich. Bis zum Ende verstanden sie nicht, dass der blaue blinkende Punkt unser Taxi darstellte. Nach über anderthalb Stunde herum gegurke waren wir endlich in der Nähe meines Hostels, und ich entschied mich, den Rest zu Fuß zu laufen. Ach ja, falls ein Klugscheißer unter euch anmerken möchte, dass ich doch auch das Taxi hätte wechseln können: keine Chance, denn der Taxifahrer (und der Rest der Familie) versicherte mir ja immer freundlich, er kenne die Adresse. Und aussteigen wäre dann ziemlich unhöflich von mir gewesen.

Nach insgesamt über 14 Stunden Reisezeit war ich mehr als froh, endlich wieder im Hostel zu sein. Ein gutes Abendessen (Sushi für 3,50 Euro) und ein Bier später konnte ich sogar wieder über die Buspanne, die kotzenden und kreischenden Burmesen und die Taxifahrerfamilie lachen. Der Tag hat mir auch gezeigt, dass Burmesen unglaublich hilfsbereit sind (gerade was das Trampen betrifft), und dass Distanzen von 400 km unmöglich an einem Tag bewältigt werden sollten (auch wenn Leute dir sagen, es wäre super easy). Ich werde solche waghalsigen Tagesausflüge also in Myanmar nicht mehr antreten, denn die anderthalb Stunden am goldenen Felsen haben sich für den Stress nicht wirklich gelohnt (na gut, vielleicht für die Geschichte, die ich nun darüber erzählen kann).

bisbald

#12 Yangon: Betelnüsse, Pagoden und eine 13 Cent-Zugfahrt

Willkommen im nächsten Reiseland: Myanmar. Ich hatte es am Abend vor meinem Abflug endlich geschafft, in meinen Reiseführer zu gucken. Eine fertige Reiseroute? Davon bin ich noch weit entfernt. Erst jetzt habe ich realisiert, dass Myanmar doppelt so groß ist wie Deutschland. Mit gerade einmal zweieinhalb Wochen Aufenthaltszeit wird es daher unmöglich sein, das ganze Land zu sehen. Aber immerhin die Hauptziele und Highlights will ich ansteuern. Auch wenn das eventuell bedeutet, dass meine Reise etwas stressiger wird als in Kambodscha.

Myanmar ist auch unter dem Namen Burma bekannt. Die Landessprache ist Birmanisch (ich bin schon fleißig am lernen) und das Land hat über 52 Millionen Einwohner. Erst seit 2011 wandelt sich Burma von einer Militärdiktatur langsam in eine Demokratie. Die letzten Neuwahlen fanden Ende 2015 statt, bei denen Aung San Suu Kyi mit ihrer Partei über zwei Drittel der Stimmen gewann. Sie kämpft seit den 1980er Jahren für die Demokratisierung des Landes und erhielt Anfang der 1990er Jahre dafür sogar den Friedensnobelpreis. Das Militär hat aber weiterhin einen großen Einfluss auf die Politik. Vielleicht auch deswegen verleugnet die Regierung samt Aung San Suu Kyi den aktuellen Konflikt rund um die ethnischen Minderheit der Rohingya. Obwohl die Armee für die gewaltsame Vertreibung der Minderheit verantwortlich gemacht wird, ist in der burmesischen Presse zu lesen, dass die Rohingya aufgrund von Anschlägen muslimischer Rebellengruppen freiwillig Richtung Bangladesch flüchten und ihre Dörfer beim Verlassen selbst anzünden. Das ist natürlich totaler Quatsch (der aber tatsächlich so in der burmesischen Zeitung steht!), denn die Rohingya gelten seit Jahrzehnten als illegale Einwanderer und verfügen über keinerlei Rechte in Myanmar.

Auch wenn die ethnische Säuberung weiter anhält, braucht ihr euch über meine Sicherheit keine Sorgen zu machen. Ich werde den Rakhine-Staat (in dem der Konflikt vordergründig stattfindet) nicht bereisen.

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Nun aber zu meinen ersten Eindrücken in Myanmar. Die ersten 24 Stunden in Yangon waren ein totaler Kulturschock, aber inzwischen habe ich mich weitestgehend an die Gepflogenheiten der Burmesen gewöhnt.  An meinem ersten Tag bin ich zunächst mit dem Circle Train (für gerade einmal 13 Cent) einmal um die Stadt herum gefahren und habe mir abends den Sonnenuntergang an der Shwedagon Pagode (dem absoluten Wahrzeichen Myanmars) angeguckt. Dieser Ausflug hat bereits gereicht, um so einige Kuriositäten auszumachen:

1) Die Nationalwährung ist Kyat. Ein Euro sind ungefähr 1.600 Kyat. Bezahlen kann man in vielen Unterkünften und Restaurants auch in US-Dollar, aber dabei muss man sehr vorsichtig sein: Es wird kein Schein akzeptiert, der nicht hundertprozentig neu aussieht. Das hat zur Folge, dass ich meine US-Dollar in einem verstärkten Umschlag in einem Buch mit mir herumtrage (doppelt hält besser). Hat der Schein auch nur den Hauch eines Knicks, wird er nicht angenommen. Ich hatte tatsächlich einen handfesten Streit in einer Wechselstube am Flughafen, die mir einen zerknickten 50 Dollar Schein andrehen wollten (und ich wusste, dass dieser nirgendwo als Zahlungsmittel akzeptiert wird). Im Gegensatz dazu sind Kyats oft relativ zerfleddert, das ist den Burmesen aber egal.

2) Der absolute Hit in Myanmar ist das Kauen von Betelnüssen. Die mit Tabak in Blätter eingewickelten Nüsse sind eine Art Wachmacher (oder um es präziser auszudrücken, die Landesdroge der Burmesen). Nebeneffekt: Die Speichelproduktion wird angeregt, was zur Folge hat, dass Betelnusskauer konstant am Spucken sind. Und da die Nuss den Speichel rot einfärbt, finden sich überall auf der Straße rote Speichelfützen. Im Circle Train durfte Gott sei Dank nicht gespuckt werden, dafür kam dann eine Spucktüte zum Einsatz. Weiterer Nebeneffekt: Die Zähne und das Zahnfleisch werden angegriffen. Um es etwas visueller zu machen: Viele Burmesen, die mich bisher angelächelt haben, sahen aus, als würde ihr Mund verrotten. Da kriegt man im ersten Moment einen großen Schrecken (gerade an Halloween).

3) Die Kleiderordnung hier ist sehr traditionell. 95 % der Burmesen (egal ob Mann oder Frau) tragen einen Longyi, eine Art Wickelrock. Gleichberechtigung pur, denn alle müssen im Sitzen pinkeln (in Myanmar dominieren nämlich die Hocktoiletten). In meinem Hostel gibt es netterweise europäische Toiletten, aber während meines Tagesausflugs habe ich bereits die ein oder andere Hocktoilette besucht. Und ich muss zugeben – ich bin froh darüber, dass ich vor meiner Reise so viele Impfungen hatte. Eine deutsche Zugtoilette ist nichts gegen den Standard, der in Myanmar vorherrscht.

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4) Viele Frauen und Kinder laufen hier mit einer sandfarbenen Paste namens Thanaka im Gesicht rum. Erst dachte ich, das diene allein dem Sonnenschutz, aber meine Recherche im Internet verriet, dass es auch als eine Art Schmuck getragen wird. Jeder trägt die Paste auf eine andere Art und Weise – mal sind es Striche, mal runde Kreise oder Punkte im Gesicht. Die Paste soll kühlend wirken und auch gegen Hautkrankheiten helfen. Vielleicht probiere ich Thakana mal während meiner Reise aus (und dann bekommt ihr natürlich ein Foto davon).

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bisbald