#16 Hsipaw: Landluft, Einzelzimmer und Straßenhunde

Nach einem anstrengenden Tag in Mandalay und einer sehr kurzen Nacht ging es um drei Uhr morgens Richtung Bahnhof. Von dort aus sollte um vier Uhr morgens mein Zug nach Hsipaw starten. Am Vortag hatte ich bereits mein Ticket für 1,700 Kyat gekauft. Umgerechnet waren das ein Euro und acht Cent für eine 13-stündige Zugfahrt in der Holzklasse (Ordinary Class). Da mir viele berichteten, dass sich die 2,000 Kyat mehr für die Upper Class nicht lohnten, ging ich das Risiko von unbequemen Sitzmöglichkeiten und ekeligen Toiletten ein, und erhoffte mir dadurch, dass ich somit vielen Touristen – die lieber die höhere Klasse buchten – ausweichen könnte (denn die Zugstrecke Mandalay – Hsipaw gehört zu einer der beliebtesten Touristenstrecken in Myanmar).

Der Weg zum Bahnhof erwies sich als bislang riskantestes Erlebnis meiner Reise. Durch das Hostel und Mr. Si gewarnt, dass man sich in Acht vor etwaigen Straßenhunden nehmen sollte, stampfte ich zusammen mit einem Dänen (der dasselbe Ziel hatte wie ich) aus meinem Hostel um kurz nach drei Richtung Hauptbahnhof los. Knappe 700 Meter, die schnell und einfach zu bewältigen sein sollten. Nach 200 Metern der erste Kontakt mit einer Gruppe von Hunden, die sich sehr angriffslustig in den Weg stellten. Unsere Taktik: Schnell umdrehen und die Richtung wechseln. Nach einiger Zeit, unzähligen Begegnungen mit bellenden Hunden und mehreren Kehrtwendungen sahen wir beide uns schon mit Bisswunde im nächsten Flieger nach Bangkok (da wir davon ausgingen, dass Tollwutmedikamente nicht unbedingt in Myanmar verfügbar seien, und der Luftweg nach Bangkok wahrscheinlich auch noch deutlich schneller sei als die 13 Stunden Busfahrt nach Yangon). Auch wenn ich froh war, bereits gegen Tollwut geimpft zu sein, und damit etwas höhere Überlebenschancen besaß als meine dänische Reisebegleitung, konnte ich dennoch nicht sagen, wem von uns an diesem Morgen das Herz weiter in die Hose rutschte. Nach einer halben Stunde gesellte sich zur panischen Angst vor einem Hundebiss auch noch der Zeitdruck dazu. Wenn nur einmal am Tag ein Zug fährt, kann da schon mal Stress entstehen. Ich kann euch eins sagen: Stress und Angst sind keine gute Kombination. Aber die Kombi sorgte dafür, dass wir trotz Müdigkeit, Hunger und schwerem Gepäck nicht aufgaben und um zehn vor vier endlich vorm Hauptbahnhof standen, eingehüllt in (Angst)Schweiß und mit einem Puls von 300.

Für den Rest der Reise habe ich beschlossen, mir nachts, egal wie kurz die Distanz auch sei, ein Taxi zu nehmen. Der Däne übrigens auch. Sein Lieblingssatz während unseres 50-minütigen Zickzacklaufs: „I hate these fucking dogs, man, I’m so fucking scared“.  Das konnte ich genauso unterschreiben.

Nun zur Zugfahrt. Vier Uhr ist vielleicht nicht die angenehmste Uhrzeit um eine Zugfahrt zu starten, aber zumindest saß ich gegenüber einer netten Schweizerin und hatte eine Holzbank für mich alleine. Die ersten Stunden war es relativ frisch, und ich war froh, meine Jacke eingepackt zu haben (die ich übrigens zum ERSTEN Mal benutzt habe). Trotz Kälte und harter Holzbank schaffte ich es irgendwie, in Embryohaltung einigermaßen gemütlich zu schlafen. Ich muss sogar gestehen, dass das Schunkeln des Zuges aktiv zu meinem Tiefschlaf beigetragen hat. Nach mehreren kleineren Stopps an Bahnhöfen (an denen ich mich mit Verpflegung versorgen konnte) kam zur Mittagszeit dann das Highlight der Zugstrecke: Die Überquerung der höchsten Eisenbahnbrücke in Myanmar, der Goteik Viadukt. Ganz schön hoch das Ding. Die Landschaft drum herum – ein wunderschöner Mix aus Bergen, Feldern und kleinen Dörfern – konnte sich sehen lassen. Eigentlich kam ich während der ganzen 13-Stunden Fahrt nicht aus dem Staunen heraus (na gut, ausgenommen in der Zeit, wo ich schlief). Dennoch war gerade mein Sitzfleisch froh, als wir um kurz vor fünf endlich in Hsipaw ankamen. Eine Holzbank ist halt doch kein Kinosessel.

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Im Hotel angekommen, die überraschende Nachricht – ich hatte ein Zimmer nur für mich! Wahrscheinlich habe ich bei meinen ganzen Buchungen irgendwas durcheinandergebracht. Ich war eigentlich davon ausgegangen, die nächsten zwei Tage wieder in einem Schlafsaal zu verbringen. Stattdessen bekam ich für 13 Dollar die Nacht ein riesiges altrosa gefliestes Zimmer mit eigenem Bad. Manche Leute würden das Dekor vielleicht als hässlich beschreiben, aber ich kam mir in diesem Moment vor wie in einem Luxushotel. Keine schnarchenden Zimmergenossen, keine unangenehmen Gerüche und vor allem – kein Lärm.

Am nächsten Tag stand ich nur zum Frühstück um halb neun auf und legte mich danach erst einmal wieder ins super gemütliche Bett. Mittags lieh ich mir dann ein Fahrrad vom Hotel und erkundete ein wenig die kleine Ortschaft. Es gab viele Restaurants und Teestuben, süße Cafés am Flussufer und einen großen Markt. Hier schlenderte ich kurz rüber und fragte an einer Schneiderei, ob sie meine Jeansshorts, die ich mir in Bangkok gekauft hatte, am Bund etwas enger nähen könnten (in Zeichensprache natürlich). Zwei Minuten später hatte die Frau bereits ihren ersten Stich gesetzt und nähte munter (auf ihrer sehr altmodischen Nähmaschine) drauf los. Nach wenigen Minuten hielt sie mir meine Hose stolz vor die Nase und ich holte meinen Geldbeutel raus, um zu bezahlen. Sie winkte dankend ab, und ich wurde abermals davon überzeugt, dass die Burmesen das absolut allernetteste Volk auf diesem Planeten sind. Oder zumindest gemessen an den Ländern, die ich bereits besucht habe.

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Da ich am nächsten Nachmittag bereits den Nachtbus nach Kalaw nehmen wollte, entschied ich mich, am nächsten Tag etwas früher aufzustehen und noch eine kleinere Wanderung zum nächstgelegenen Wasserfall zu unternehmen. Vorbei an Feldern, einem Friedhof und einer Müllkippe (hier hat man doch wieder einmal gesehen, dass Myanmar ein Entwicklungsland ist) ging es gemütliche sechs Kilometer zum Nam Tuk Wasserfall. Wer gute Augen hat, findet ihn auf zwei der Bilder. Der Wasserfall war hübsch anzusehen, aber mich faszinierte eigentlich mehr das, was ich auf dem Weg dorthin sah. Feldarbeit, wunderschöne Natur und ein paar Rinder, die im nahgelegenen Bach eine kurze Abkühlung genossen. Auch wenn Marius scherzhaft meinte, was ich denn in diesem Kaff wollen würde, bin ich sehr froh, an den für Touristen nördlichsten Punkt in Myanmar gefahren zu sein. Endlich mal keine Großstadt, kein Halli Galli und ganz viel Natur. Dazu noch gutes Essen (da Hsipaw im nördlichen Shan-Staat liegt, habe ich hier größtenteils nur Shan Nudeln gefuttert), ein ruhiges Hotel und eine ersehnte Pagodenpause. Was will man mehr?

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Am späten Nachmittag ging es dann mit dem Nachtbus ins 230 Kilometer entfernte Kalaw, das im südlichen Shan-Staat liegt. Die Bustour verlief relativ entspannt, und dank meines Lagenlooks und meiner Mütze (die ich leider im Bus liegen ließ) habe ich zum ersten Mal nicht gefroren. Um vier Uhr morgens weckte mich der Busfahrer unsanft aus meinem sehr tiefen Tiefschlaf und es ging in meine nächste Unterkunft. Auch wenn ich erst für die darauffolgende Nacht ein Zimmer gebucht hatte, durfte ich netterweise im Nebenhaus bei den Angestellten in einem kuscheligen Bett weiterschlafen. Ohne extra Aufschläge, versteht sich. Sogar Frühstück habe ich heute bekommen und bin danach in mein richtiges Zimmer umgezogen.

Hauptziel war heutig übrigens die Buchung einer Trekkingtour (Trekking ist hier ein cooleres Wort für Wandern) für die nächsten drei Tage. Mit A1 Trekking werde ich ab morgen also 65 Kilometer bis zum Inle See (meiner letzten Station in Myanmar) wandern. Jeden Tag um die 20 Kilometer mit lokalen Führern, die für mich und meine Wandergruppe kochen. Schlafen werden wir bei burmesischen Familien. Da es auf den Bildern nicht so aussah, als hätten die Betten ein Moskitonetz, habe ich schon mal meinen Vorrat an Mückenspray aufgestockt und bin froh, die 193,60 € für die Impfung gegen japanische Enzephalitis ausgegeben zu haben. Mein Tagesrucksack ist für drei Tage gepackt und ich denke, ich bin (hoffentlich) auf jede erdenkliche Situation vorbereitet. Mein Backpack wird netterweise direkt zum Inle See gebracht. Die 65 Kilometer werden also mein letztes großes (physisches) Abenteuer, bevor ich Marius endlich wiedersehe. Ich bin mir noch nicht so sicher, wie stark die körperliche Belastung ist, aber ich gehe davon aus, dass die Wanderung an sich nicht so anspruchsvoll sein wird. So hohe Berge gibt es hier nämlich nicht. Dennoch, 20 km am Tag werden wahrscheinlich auch kein Zuckerschlecken. Aber darüber werdet ihr dann im nächsten Bericht erfahren.

bisbald

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