#15 Mandalay: deutsche Privilegien, ein Kokosnussdonut und die längste Teakholz-Brücke der Welt

Von Bagan ging es gestern um fünf Uhr morgens Richtung Mandalay, und damit in die zweitgrößte Stadt Myanmars. Mein Verkehrsmittel diesmal: das Schiff. Für 32 US-Dollar versprach die 10-Stunden Fahrt gute Verpflegung und eine tolle Aussicht auf den Irawadi-Fluss. Die Wahrheit nach meiner Ankunft in Mandalay: Weder die Aussicht, noch die Verpflegung haben mir in irgendeiner Weise zugesagt. Dafür konnte ich dem Fakt, der einzige Passagier an Bord zu sein, sehr viel abgewinnen. Ich konnte viel versäumten Schlaf der letzten Tage nachholen, habe angefangen, meine Kamerabilder zu sortieren und natürlich den Blog auf den neusten Stand zu bringen. Das war in den vollgepackten Tagen in Bagan nämlich nicht möglich.

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Bereits abends am Hostel verabredete ich mich mit Mr. Si für eine Sightseeing-Tour am nächsten Tag in Mandalay und in der Umgebung. Für umgerechnet 13 Euro von Sonnenauf- bis untergang fand ich das einen durchaus gerechtfertigten Preis.

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Um 5.30 Uhr (früh aufstehen in Myanmar ist für mich bereits Normalität) ging es auf Mr. Sis Motorrad zur U Bein Bridge. Ich hatte gelesen (und das bestätigte mir Mr. Si auch am Abend zuvor), dass es an der Brücke zum Sonnenaufgang noch etwas ruhiger zugehe. Und was soll ich sagen: Bis auf die Mönche, die die 1,2 Kilometer lange Brücke überquerten, konnte ich nur eine Handvoll Touristen zählen, die sich zu dieser frühen Stunde aus dem Bett gequält hatten. Zusammen mit einer sehr netten Malaysierin (die mir bereits Tipps für Marius und meine Zeit in Kuala Lumpur gab) und zwei Franzosen (mit denen ich nicht ganz warm geworden bin) habe ich mir ein Boot geteilt, um auf die Mitte des Taungthaman Sees zu fahren. Von hier aus hatte man eine fantastische Aussicht auf die Brücke und den bevorstehenden Sonnenaufgang. Die Stille wurde lediglich vom Betelnusskauen unseres Ruderbootfahrers gestört. An die Kau- und Spuckgeräusche habe ich mich übrigens immer noch nicht gewöhnt, genauso wenig wie an die roten vor sich hin rottenden Münder vieler Burmesen. Mr. Si rauchte zum Glück nur und verfügte über ein strahlend-weißes Lächeln.

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Weiter ging es nach Sagaing, dass auf der anderen Seite des Irawadi liegt. Nach einem kurzen Frühstücksstop (Mr. Si lud mich auf Shan Nudeln ein, die getreu des Namens aus dem östlichen Shan-Staat kommen), ging es weiter zu zwei größeren Pagoden. Mr. Si erklärte mir, warum der Lucky Buddha elf Finger besitzt und ich spendete 30 Cent an die Vergoldung der Buddha-Statue, da noch niemand am Eingang saß, um eine Gebühr für meine Kamera zu kassieren. In jeder Pagode stehen hier nämlich hunderte von Spendenboxen, und die Burmesen können anscheinend gar nicht genug von vergoldeten Pagoden und Buddhas bekommen (oftmals wird auch am Straßenrand für den Bau von neuen Pagoden Geld gesammelt). Mr. Si bat mich auf jeden Fall, meine Kameragebühr zu spenden, auch wenn ich das Geld lieber an ein etwas sozialeres Projekt gegeben hätte. Aber ich wollte nicht unhöflich erscheinen und nach der Bedeutung jeder einzelnen Spendenbox fragen (wobei es wahrscheinlich bei jeder Box um die Vergoldung eines anderen Gegenstandes geht). An einer der Pagode hingen sogar Namensschilder von Spendern, und ich habe einige deutsche Namen darauf entdeckt.

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Weiter ging es zum absoluten Highlights des Tages – wir machten einen Zwischenstop bei der Sagaing Hill Monastic Education Free School. Bei meiner Ankunft füllten sich bereits die Klassenräume mit hunderten Kindern. Bevor der Unterricht mit einem traditionellen Gebetsgesang begann, hatte ich Zeit, mir die Klassenräume näher anzuschauen. Winzige Holzbänke und schmale Tische, eine Tafel, und einige selbstgemalte Plakate an der Wand – ich glaube, hier wurde mir erst einmal wieder richtig bewusst, wie privilegiert wir eigentlich in Deutschland leben. Die Kinder hier in der Schule hatten die einfachsten Hefte und Materialien zur Verfügung, und trotzdem sah ich in hunderte strahlende Gesichter, als der Unterricht begann. Vom Kindergarten bis zum oberen Schulabschluss wird hier alles unterrichtet. Auf einem der Fotos könnt ihr sehen, wie sehr die Schule in den letzten fast 15 Jahren seit ihrer Gründung gewachsen ist. Ich bin sehr froh, die Schule besucht und diese Erfahrung gesammelt haben zu können, auch wenn ich teilweise mit meinen Emotionen kämpfen musste (das lag nicht nur an den vorherrschenden primitiven Verhältnissen, sondern auch am Gebetsgesang der über 700 Schüler, der einfach wunderschön war). Ein Mönch brachte mich zum Abschluss noch in den Kindergarten, wo mir jedes Kind freudestrahlend ein High-Five zum Abschied gab.

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Nach der Besichtigung der Universität, die auf der anderen Straßenseite lag, tranken Mr. Si und ich einen traditionellen süßen Tee an einer der vielen Teestuben am Straßenrand. Dazu gab es für mich Onde jar bausi (wahrscheinlich wird es anders geschrieben), einen Kokosnuss-Zucker-Donut. Ich stellte Mr. Si tausende Fragen über das Schulsystem, seine Familie und auch seine Zukunftspläne. Sogar über den Rohingya-Konflikt haben wir gesprochen, aber seine Meinung dazu war sehr eindeutig. Seiner Ansicht nach ist dieser Volksstamm illegal nach Myanmar eingewandert und bedroht den Zusammenhalt und die Sicherheit in der buddhistischen Bevölkerung. Angesichts der Tatsache, dass so auch in der burmesischen Presse berichtet wird, überraschte mich seine Erklärung jedenfalls nicht. Dennoch habe ich viel von ihm gelernt, über die Regierung, den Jobmarkt und das durchschnittliche Einkommen der meisten Burmesen. Auf die Frage, ob Mr. Si mal (so wie ich und Marius) in ein anderes Land reisen möchte, antwortete er: „Ich müsste erst einmal mein eigenes Land bereisen“. Denn bis jetzt ist er noch nicht einmal über den Großraum Mandalays hinausgekommen.

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Mit dem Sonnenuntergang am Mandalay Hill endete für mich ein erlebnisreicher, anstrengender und emotionaler Tag. Ich kann Mr. Si nicht dankbarer sein für all die Einblicke, die er mir heute ermöglicht hat und die ich sicherlich nie vergessen werde.

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